Gesundheit

1. Gesundheitserhaltung als dynamischer Prozess

Um Autonomie ausüben zu können, bedarf es Gesundheit. Sie legt den Grundstein für körperliches, seelisches und geistiges Wohlbefinden und ermöglicht oder behindert die freie Entfaltung des eigenen Potentials.  Wir erachten es daher als existentiell bedeutsam, Kinder dazu zu befähigen, für ihr eigenes Wohlergehen und für gesunde Lebensbedingungen sorgen zu können. 

Gesundheit ist kein statischer Zustand, dessen Sein oder Nicht-Sein nur von Immunsystem, Vitaminen und ausreichend warmer Kleidung abhängig ist. Gesundheit lässt sich vielmehr als ein empfindliches Gleichgewicht verschiedener Faktoren betrachten:
Körperliche Aspekte (Immunsystem, Vorhandensein krankmachender Bakterien und Viren) Materielle Aspekte (wirtschaftliche Versorgungssicherheit)
Persönliche Aspekte (Selbstwertgefühl, verschiedene Intelligenzschwerpunkte, Handlungskompetenzen)
Soziale Aspekte (soziale Bindungen, Zugehörigkeitsgefühl)
Gesellschaftlich-kulturelle Aspekte (Eingebundenheit in politisch-kulturelle oder spirituell-philosophische Strukturen)


2. Beiträge des Kindergartens zur Gesundheit

Neben gesundem Essen und Trinken und einer rhythmischen Zeitstruktur werden
die Gesundheits-Ressourcen „Selbstwertgefühl“ und „Zugehörigkeitsgefühl“ durch unser erzieherisches Handeln im Kindergarten direkt beeinflusst. 

Indem wir in unserer Rolle als Bezugspersonen das uns anvertraute Kind wertschätzen, es mit seiner individuellen Persönlichkeit akzeptieren und teilhaben lassen an Entscheidungsprozessen, unterstützen wir die Entwicklung des Selbstwertgefühls. Gesteckte Ziele sollten für das einzelne Kind erreichbar sein und es nicht über- oder unterfordern. Kinder wollen ihre Grenzen kennenlernen und sich an ihnen entwickeln. Wir geben ihnen diese Grenzen und trauen ihm Herausforderungen und ihre Bewältigung zu.

Der Mensch ist ein zutiefst soziales Wesen, das auf soziale Beziehungen – als Säugling sogar zum Überleben- angewiesen ist. Ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit ist daher tief im Menschen verankert. In einer verlässlichen und tragfähigen, d.h. krisenfesten Beziehung erhält das Kind die Sicherheit und den Rückhalt, den es braucht. Durch verstehende Resonanz schenken wir dem Kind liebevolle Zuwendung. Es erhält die Rückmeldung, dass es wahrgenommen wurde, wir mit ihm fühlen und es in seinem So-Sein annehmen. Wir erfüllen auf diese Weise nicht nur den sozialen Bindungswunsch des Kindes, sondern stärken gleichzeitig auch sein Selbstwertgefühl. Indem wir es annehmen, wie es ist, lernt es sich selbst anzunehmen. Folgen wir seinem Wunsch nach Kooperation und Partizipation, so geben wir ihm auf diese Weise die Chance, seine eigenen Talente und Interessen zu entdecken, vielfältige Handlungskompetenzen zu erlangen und sich in die tragende Verbundenheit der Gruppe zu integrieren.

Wir spüren ab, wann das Kind haltenden Trost und wann es die lösende Kraft des Weinens benötigt. Alle Gefühle sind erwünscht, ihren Ausdruck und Umgang begleiten wir mit Einfühlung und Klarheit.

Inwiefern wir Ressourcen zur Lebensbewältigung aktivieren können, hängt maßgeblich von unserer Lebensorientierung ab. Dieses „Kohärenz“ genannte Gefühl von Weltverbundenheit beschreibt eine Grundstimmung oder Grundsicherheit, dass unsere Lebensbedingungen grundsätzlich zu bewältigen sind und es Zusammenhänge und einen Sinn im Leben gibt. Verlässt uns das Kohärenzgefühl, fühlen wir uns innerlich nicht mehr zusammengehalten, sondern zerrissen und ausgeliefert. Wir werden krank.
Als obere Steuerungsinstanz entscheidet es über die Verfügbarkeit und den Einsatz der inneren und äußeren Widerstandsressourcen: Wenn wir voller Vertrauen in uns selbst, in andere Menschen, in unsere gesellschaftlichen Werte und Normen, in die Welt oder vielleicht auch in ein spirituelles Etwas sind, kennen wir unsere individuellen Grenzen und respektieren sie, holen uns Hilfe, wenn nötig und schaffen uns Rahmenbedingungen, in denen wir uns entwickeln können. 


3. Spiritualität – Aberglaube von gestern oder zeitloser Gesundheitsfaktor?

Spiritualität ist ein wesentlicher Kern der Waldorf- und auch der Naturpädagogik und lebt in unserem Kindergarten in der Form, dass wir Möglichkeiten des spirituellen Erlebens schaffen, mindestens aber nicht unmöglich machen. Inwiefern das Spirituelle im Gruppenleben lebt, hängt wesentlich von den leitenden Pädagogen ab und unterliegt ihrer individuellen Freiheit. Bei Festen, Geschichten und Fantasiereisen darf sich die reale Lebenswelt weiten und ein Verbundenheitsgefühl mit der sinnlich wahrnehmbaren, aber auch mit den in ihr lebenden Kräften entstehen. So erleben viele Kinder Zwerge, Elfen und Feen als Elementarwesen und gestalten ganze Spielwelten für und mit diesen Wesen. Wenn die Kinder beim Adventsgärtlein in den dunklen Abendstunden mit einer kleinen Kerze in einem Apfel, umgeben von singenden und musizierenden Menschen, in eine Tannengrünspirale mutig hineinlaufen, die Kerze im Inneren entzünden und ihr Licht in der Spirale abstellen, so dass Kind für Kind die Dunkelheit weicht und die Umgebung erleuchtet wird, entstehen tiefe Andachtsmomente, die die Kinder als Schatz für ihr Leben sammeln dürfen.

Es ist uns ein Anliegen die bewusste Wahrnehmung auf Schönes und Erfreuliches zu lenken und mit Dankbarkeit das eigene Sein und die Situation zu würdigen und anzunehmen. Naturpädagogik und Waldorfpädagogik pflegen diese Form der Seelenhygiene ganz im Sinne von Kohärenz und Gesundheit und versuchen im Alltag Momente der Dankbarkeit bewusst zu pflegen. Gesundheit lebt nicht nur im Körper, sondern auch in Seele und Denken.

Wir sind nicht konfessionsgebunden und verstehen uns als lebendige Gemeinschaft, die bereit ist wissenschaftliche Erkenntnisse neben geisteswissenschaftliche Überlegungen zu stellen und kulturelle Vielfalt und verschiedene Formen des familiären Zusammenlebens als Bereicherung zu begreifen. Unser Spiritualitätsbegriff ist insofern gerade nicht konservativ oder abergläubisch zu verstehen, sondern wird lebendig in seiner Möglichkeit zu mehr Freiheit, Zufriedenheit und Mitmenschlichkeit.