Naturpädagogik

1. Anliegen der Naturpädagogik:

Nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder verbringen immer weniger Zeit in und mit der Natur, ein Entfremdungsprozess tritt ein mit weitreichenden Folgen für die individuelle, aber auch globale Entwicklung. Die individuellen Folgen resultieren aus zunehmend einseitigen Sinneserfahrungen, viel weniger Bewegung, weniger Zeit – für Entspannung, Flow-Erleben, Konzentration. Die Welt prägt die Kinder vor allen Dingen durch ihre visuell-akustischen Sinneskanäle, sie strömt auf den Menschen ein, alles wird intuitiver, leichter und somit passiv konsumierend nutzbar. Die digitale Medienwelt ist nicht mehr nur Arbeitswerkzeug, sondern täglicher Entertainer und scheinbarer Bildungsvermittler.  

Aber das Kind entwickelt sich zunächst über seinen Willen zur Selbstwirksamkeit. Es möchte die Welt selbst ergreifen und sie dadurch begreifen. So entstehen Welt- und Selbsterfahrung Hand in Hand, Selbst- und Weltbild werden geprägt. Indem das Kind sich mit seiner Umgebung, seiner Um-Welt, aktiv und nicht passiv-konsumierend auseinandersetzt, sie schmeckt, tastet, riecht, hört, sieht, in ihr balanciert, stürzt und wieder aufsteht, erlebt es sich selbst und seine Vorlieben und Abneigungen, seine Grenzen und wie sich diese aushalten oder sogar überwinden lassen. Es spürt den Mehrwert einer Gemeinschaft, erlebt Freundschaft, Ver- und Zutrauen und entwickelt eine tiefe innere Verbindung zu dem, was es selbst erfahren durfte. Primärerfahrungen nennt man solche direkten Auseinandersetzungen mit der Welt. Sie unterstützen die Muskel- und Skelettentwicklung durch Bewegungserfahrungen, die Organentwicklung durch Erfahrungen der Anspannung und Entspannung, die Sinnes- und Gehirnentwicklung durch wiederholte Aktivierung vielfältiger Gehirnareale, die sich immer mehr vernetzen und die Basis bilden für lebenslange komplexe Gedankenprozesse, sowie Gedächtnis- und Konzentrationsfähigkeiten. Indem sich Kinder auseinandersetzen mit der Natur, ihrer eigenen und der Natur um sie herum, entwickelt sich ihre körperliche, geistige und seelische Gesundheit.

Beim selbstbestimmten Spiel in der Natur tauchen die Kinder in eine zeitlose Welt zwischen Fantasie und Realität ein. Sie bewegen sich auf vielfältige Weise, rennen, schleichen, klettern und rutschen, laufen auf verschiedenen Untergründen, erklimmen unterschiedliche Steigungen und üben sich ganz nebenbei in Balance. So entwickeln sie ein Gefühl für die Möglichkeiten, aber auch Grenzen ihres Körpers – Grenzerfahrungen haben individuellen und sozialen Charakter. Kenne ich meine eigenen Grenzen, kann ich mich auch in die der anderen Lebewesen besser einfühlen und diese respektieren. 
Kinder erleben lokal die Zusammenhänge der Nahrungsmittelkette, ernten vielleicht selbst ihr Essen im Garten oder auf dem Feld und lernen Wertschätzung gegenüber dem, was sie selbst aufbaut und bei Gesundheit und am Leben hält. Kinder brauchen natürliche Räume und frei verfügbare Materialien, die ihre Fantasie, ihren Erfindungsgeist und ihre Kreativität stimulieren. Phasen der konstruktiven Langeweile wechseln mit freiem selbstbestimmten Spiel, das vielfältige Kommunikationsanlässe bietet und innige Freundschaftsbänder zu knüpfen vermag.

Anliegen der Naturpädagogik ist es, für unterschiedliche Menschen neue oder vergessene Facetten der Beziehung zur Natur wieder erlebbar zu machen, die Entfremdung zu überwinden und wieder mit der Natur vertraut zu werden. Die Vielfalt der naturpädagogischen Methoden orientiert sich an diesen Beziehungen. Durch verschiedene Zugänge sollen die unterschiedlichen Wesensglieder des Menschen, Körper, Geist und Seele, ganzheitlich angesprochen werden.

Zu den wesentlichen methodischen Ansätzen der Naturpädagogik gehören vor allem:
– Ermöglichen vielfältiger sinnlicher Wahrnehmungen und forschendes Entdecken im ausgedehnten Freispiel
– handwerkliches und künstlerisch-kreatives Tun in Projekten
– Natur entdecken als Nahrungs- und Heilmittellieferant
– meditative Naturbegegnungen
– kulturelle Elemente wie Geschichten und Lieder
– naturkundliche Begriffsbildung nach erlebten Erfahrungen, d.h. Selbsterfahrung vor vermitteltem Lehren

Wer die Welt lieben gelernt hat, ist bereit sie zu schützen. Willen und Kraft zu nachhaltigem Handeln im späteren Erwachsenenleben knüpfen an Erfahrungen der Freude und Innigkeit mit Natur in der Kindheit an.

2. Viel Raum und Zeit für Freies Spiel

Das Freie Spiel und die selbst initiierte Aktivität sind ein Hauptbestandteil unseres Tages. Das Kind kann Tätigkeiten und Material frei wählen, es entscheidet, ob es allein oder mit einem bzw. mehreren frei gewählten Partner/n spielt. Auch die Entscheidung über Ort und Dauer liegt beim Kind. Es ist ihm auch die Freiheit gegeben »nichts zu tun«, z.B. nur dazusitzen und zuzuschauen, wenn es sein Bedürfnis ist.
Die entstehendes Bedürfnisse der Kinder sollten möglichst nicht aufgeschoben werden. Zu einem späteren Zeitpunkt ist dann schon vielleicht ein anderes Bedürfnis vorrangig und der sensible Lernprozess, der in diesem Moment möglich gewesen wäre, wird irritiert. Da der von innen gesteuerte Lernprozess nicht zu jeder beliebigen Zeit möglich ist, kann man ihn auch nicht von außen vorgeben und fremdbestimmen. Während einer sensiblen Phase hat das Kind ein ganz besonderes Interesse für eine bestimmte Funktion oder Fertigkeit, eine besondere Neugierde und Aktivität. Es erforscht oder übt eine Sache so lange, bis es sie beherrscht. Der Impuls hierfür tritt plötzlich innerhalb einer begrenzten Zeitspanne auf. In dieser lernt das Kind eine neue Fähigkeit mit großer Leichtigkeit.

Die eigene Initiative, das Finden und Einigen auf ein gemeinsames Spiel, ist selbst schon ein wichtiger Bestandteil des individuellen und sozialen Lernprozesses. Alle Eindrücke und Erfahrungen, die auf ein Kind einströmen, können im Freien Spiel (z.B. im Rollenspiel) reflektiert, bearbeitet und verarbeitet werden. Auch verschüttete, unbefriedigte Bedürfnisse, Konflikte, Ängste und Unsicherheiten können auftauchen, bespielt werden und sich auflösen. Im wahrsten Sinne des Wortes hat das »freie Spielen« auch eine befreiende Wirkung. Wenn die Kinder beim Freien Spiel sich voller Aufmerksamkeit einer Aufgabe hingeben, die Welt erforschen, so eignen sie sich nicht nur Wissen an, sie gewinnen Vertrauen in ihre Fähigkeiten, es entsteht ein positives Selbstwertgefühl, ein gesundes Selbstbewusstsein. 

Gleichzeitig ermöglicht die Sinnesvielfalt und motorische Herausforderung des Naturraums den Kindern ihre sensomotorische Entwicklung zu vollziehen. Erfahrungen der Konsistenz, d.h. der Stimmigkeit, lassen bei den Kindern ein Gefühl des Verständnisses und der Handhabbarkeit entstehen. Wenn ein Apfel vom Apfelbaum aussieht, schmeckt und sich anfühlt wie ein Apfel und ich erst hochklettern, dann pflücken, dann hinunterklettern, dann vielleicht reinigen und dann kräftig kauen muss, prägt sich mir ein ganz anderes Apfelerleben in meine Hirnstrukturen ein, als wenn ich den Apfel im Bilderbuch sehe, das Wort höre und damit eine nachhaltige Apfelassoziation bilden soll. Selbstverständlich dürfen Naturkinder auch Bilderbücher alleine oder gemeinsam mit uns im Austausch angucken oder Geschichten lauschen. Aber diese Geschichten ergänzen selbst erlebte Erfahrungen, vertiefen sie, bereichern sie seelisch und geistig.

3. Rolle der Pädagog*Innen beim Freien Spiel

Kinder die es gewohnt sind von außen Vorschläge zu bekommen oder viel Spielzeug zu Hause haben, brauchen eine Zeit lang bis sie wieder einen Zugang zu ihrer inneren Gefühlswelt bekommen. Dieser Zustand wird von den Kindern oft als Langeweile beschrieben. Unsere Aufgabe ist es Kinder, die sich langweilen, emotional zu unterstützen. Wir hüten uns aber davor von außen Initiative für ihr Spiel zu ergreifen. 

Wir lassen die Kinder ihre eigenen Spiele finden und begnügen uns damit, sie zu beobachten und eigene Erwachsenentätigkeiten auszuführen, die uns selbst beglücken, eine Bedeutung für die Gemeinschaft haben und die die Kinder offen einladen zur Mittätigkeit.

Unser Verantwortungsbereich ist die Gestaltung eines räumlichen und zeitlichen Rahmens, in dem die Kinder ihren Entwicklungsaufgaben nachgehen können. An den Bedürfnissen der Kinder orientierte Funktionsbereiche im Außen- und Innenraum laden die Kinder zur Aktivität oder Entspannung ein. Im Außenraum werden aus Natur- und Alltagsgegenständen grenzenlos fantasievolle Lebenswelten. Auch im Innenraum gestalten die Kinder Kraft ihrer Gedanken selbst ihr Spiel, indem das Spielmaterial weitestgehend natürlich und wenig vorgeformt ist. Jedes Kind kann sich entsprechend seiner momentanen Entwicklung das nötige Material aussuchen. Ein Ast kann unendlich viele Funktionen haben kann und für jedes Kind, entsprechend seiner Bedürfnisse, etwas anderes darstellen. Das Gleiche gilt für Tücher, Klötze, Bänder usw. mit ihren verschiedenen Eigenschaften in Farbe, Oberfläche, Kontur, Gewicht, Konsistenz und Form. Durch Ausprobieren, »Falschmachen«, Umdenken, Suchen, was stimmig ist, entsteht ein tiefes Verständnis von Zusammenhängen. Wissen wird nicht nur gespeichert, sondern verstanden und verinnerlicht, und kann im Alltag leicht auf andere Bereiche übertragen werden. Auf diesem Weg des Lernens werden die Kinder herausgefordert ihre eigenen Interessen wahr- und ernst zu nehmen. Das fördert Entscheidungsfähigkeit und Selbstvertrauen. Es werden Rahmenbedingungen geschaffen, die den Kindern ermöglichen, Eigeninitiative zu entwickeln. Dies ist heute besonders wichtig, weil die natürliche Umwelt des Kindes kaum noch Möglichkeiten für spontanes, selbstbestimmtes Handeln enthält. 

Unsere Zeiteinteilung erlaubt den Kindern ihr Spiel intensiv zu betreiben und nach eigenem Interesse zu beginnen und abzuschließen. Rechtzeitig vor Ende der Freispielzeit kündigen wir dies an. 

Klare Regeln dienen der Erhaltung einer sicheren und entspannten Atmosphäre und einem respektvollen Umgang mit Mensch, Tier, Pflanze und Material.

Wir sind bestrebt Lob und Tadel zu vermeiden. Das Lernen des Kindes gründet sich auf seinem natürlichen Forschungsdrang und dem Einssein mit seinem selbstgewählten Tun. Dies entzieht sich unseres Erachtens einer Bewertung. Eine Beurteilung von außen hieße, das Kind von seinem Selbstverständnis weg, auf eine äußere Instanz hin auszurichten. Der innere Drang des Kindes zu forschen, könnte so leicht überlagert werden vom Ringen um Lob und Anerkennung. Kinder wollen wahrgenommen, aber nicht nach äußeren Maßstäben bewertet werden.
Jedes Lob in Form von: „Das kannst Du aber gut“ oder „ Das ist ja schön“ zeigt dem Kind: „Ich bekomme Anerkennung, wenn ich eine Sache entsprechend, nämlich so wie es der Erwachsene gut findet, ausführe.“ 

Zeigen wir hingegen Interesse an der Aktion des Kindes, ohne unsere Maßstäbe dem Kind überzustülpen – teilen wir z.B. eine gemeinsame Freude über sein Tun und seine erreichten Schritte, kann das Kind durch tiefe Befriedigung erfüllt werden und sich selbst mit all seinen Fähigkeiten und Fehlern schätzen lernen.

Zu unserer Selbsterziehung gehört es unbedingt, dass wir als Pädagog*Innen unsere eigenen unverdauten Kindheitserlebnisse reflektieren und in uns durch die Kinder ausgelöste Emotionen eigenverantwortlich und bei Bedarf vertrauensvoll im Team reflektieren. Nur so können wir den Kindern warmherzig und unvoreingenommen begegnen, sie wirklich wahrnehmen und uns in ihren Entwicklungsdienst stellen.